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Brauchtum des NVH

Hochzeitsschiessen «ohne Grenzen»

Schon in der Morgendämmerung eines Hochzeitstages krachen auf dem Gerbel drei Böllerschüsse. Da dies vor Jahren in der Presse als Nachtruhestörung angeprangert wurde, schränkte der Gossauer Gemeinderat den alten Brauch rigoros ein. Dabei hatte er aber nicht mit der Ortskenntnis der Nachtheuel gerechnet. Sie profitierten von der Grenzlage ihres Dorfes, indem sie mit ihren Knallutensilien einfach einige Meter weiter südlich rückten und ihre Hochzeitsgrüsse nun auf dem Boden der toleranteren Nachbargemeinde Bubikon abfeuern... Als weiteren Dank bieten die Nachtheuel dem Hochzeitspaar zuweilen am abendlichen Fest einige Lieder dar. Denn das Singen ist beim NHV alte Tradition. Vom sentimentalen «Blüemel auf der Alm», dem «Polenstädtchen» und dem rassigeren «Drunten im Unterland» einst die Eröffnungs- und Schlusslieder jeder NHV-Versammlung - reicht das Repertoire über das ulkige UeBB-Lied (Uetikon—Bauma-Bahn), das alle Stationen der legendären Dampfbahn besingt, bis zu den «Seebuebe», der «Fischerin» und bis nach «Schruns im Monta-fonertal». Mit Inbrunst und viel Stimmkraft werden auch die Schöne Annemarie, die Lola, der Grossmannkarle, der Pater Gabriel oder der Seemann Toldrian heraufbeschworen. Alles in allem umfassen die «Eulengesänge», die der ehemalige Präsident Heinz Girschweiler in einem handlichen Taschenbüchlein vereinigte, gegen dreissig wenig bekannte, dafür aber um so originellere und wirkungsvollere Titel.

Zu einem Dorfabend (hier im Schulhaus, 1989) gehört ein rassiger Liedervortrag der
sangesfreudigen Eulen.

 

«Lina, gimer echli Moscht!»

Uraltes Brauchtum pflegen die Nachteulen, ohne es zu wissen, bei und nach ihren Zusammenkünften. Diese sind im Grunde genommen eine Weiterführung der Liecht- oder Spinnstubeten, wie sie einst in jedem Dorf, jedem Weiler unseres Oberlandes verbreitet waren. Sie wurden jahrhundertelang von den «Gnädigen Herren» in Zürich als unnötige Lustbarkeit bekämpft. Nützte es etwas? Kaum, die pfarrherrlichen und obrigkeitlichen Klagen setzten sich noch bis tief ins 19. Jahrhundert fort. Denn nach Abschluss ihrer Stubeten verfügte sich die Jungmannschaft noch keineswegs ins Bett, sondern erst jetzt begannen die Knaben ihre eigentliche Kontrollfunktion wahrzunehmen. Galt es doch, allfällige Liechtgänger - egal ob einheimische oder auswärtige - bei ihrer Liebsten aufzustöbern und dort einen Trunk zu begehren. Das geschah durch Klopfen ans Fenster oder an die vorsorglich heruntergelassenen Falläden, durch deren Ritzen verdächtiges Licht schimmerte. Kein Wunder herrschte in Herschmettlen an Samstag- und Sonntagabenden um «Marxlis» Haus herum, wo sieben Töchter daheim waren, immer Betrieb und Lärm. In allen Tonarten konnte man flüstern hören: «Lina, gimer echli Moscht!» - Im Haus nebenan, wo «Wilde-Ruedi» aus dem Schönbühl zu «Bohl-Elise» z Liecht ging, bestiegen die Nachtbuben aus dem Thäli sogar die Reisigbeige vor den Stubenfenstern. Als sie unverrichteter Dinge wieder herabsteigen mussten, verbanden sie die Haustüre mit Stricken. Ein andermal mussten die erstaunten Hausbewohner sogar eine ganze Klafterbeige von der Türe wegschaffen, ehe sie anderntags das Haus verlassen konnten!

Ein Liechtgänger, der einer Aufforderung der Dorfburschen keine Folge leistete, hatte überhaupt allerhand zu gewärtigen. Es lief noch glimpflich ab, wenn ihm beim Öffnen der Haustüre eine wassergefüllte Tanse entgegenstürzte. Schlimmer erging es ihm aber, wenn ihm die Nachtbuben auf dem Heimweg auflauerten und ihn verprügelten. Über einen ganz bedenklichen Vorfall, der sich zwar nicht in Herschmettlen abspielte, in den aber ein «Ur-Nachtheuel» verwickelt war, berichtet das Gossauer Stillstandsprotokoll 1725: Conrad Baumanns Sohn aus Herschmettlen weilte bei einem Mädchen in Hadlikon «z Liecht». Die dortigen Dorfburschen begehrten Einlass beim Liebespaar und reizten den «fremden Fötzel» dermassen, dass er angesichts der Überzahl der Hadliker ein Webermesser zückte und ihrem Anführer, dem Sohn des angesehenen Dorfpaten Hauptmann Weber, einen tödlichen Stich versetzte.
Das nächtliche «Moscht usehöische» hielt sich bis ins Zeitalter des Nachtheuelvereins. Kaum eine Vereinsversammlung, nach der sich nicht noch «etwas tut»! Freilich tritt heute an die Stelle des privaten Stelldicheins mehr und mehr der Gang zu irgend einem öffentlichen Unterhaltungsanlass in der näheren oder weiteren Umgebung - sei es zu einer Metzgete, einer An- und Austrinkete oder zu Chränzli und Tanzanlässen auswärtiger Vereine. Jedenfalls bilden all diese nächtlichen Aktivitäten nach Versammlungsschluss die Rosinen in den Verhandlungsberichten der NHV-Protokolle.

 

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