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Der Nachtheuelverein

Januar 1942 - die Schweiz ist umbrandet vom Weltkrieg, die Väter sind im Aktivdienst, die Jungen mühen sich zusammen mit ihren Müttern zu Hause mit der Anbauschlacht und den übrigen kriegswirtschaftlichen Notmassnahmen ab. Das Vereinsleben, das Brauchtum überhaupt liegt weitgehend darnieder. Da mutet es wie ein Wunder an, dass mitten in dieser krisengeschüttelten Zeit ein "neuer" Verein entstehen konnte: der Nachtheuelverein Herschmettlen.

Die Gründung des Vereins ist jedoch kein Wunder. Denn Herschmettlen, diese oberste und entlegenste der fünf Gossauer Wachten, die sich zwischen die Nachbarsgemeinden Bubikon und Grüningen schiebt, zeichnete sich während ihrer rund sechshundertjährigen Geschichte immer durch eine ausgeprägte Eigenständigkeit aus - eine Eigenständigkeit, die hier etlichen alten Bräuchen zum Überleben verhalf. Unter diesen steht an erster Stelle das Knabenschaftsbrauchtum.

 

Uralte Knabenschaften

Die Absonderung der Unverheirateten, der "Ledigen", in Knabenschaften ist weltweit eine der ältesten, elementarsten Brauchformen. In der Schweiz befinden sich solche Burschenschaften noch am ehsten in den bäuerlichen Ackerbaugebieten des Mittellandes, wo sich viele von ihnen zu Kadetten- oder Jungschützenkorps umgeformt haben (Argau, Bern). Auch die "Jeunesses" des Waadtlandes, mit denen wohl jeder junge Deutschschweizer - Bursche wie Mädchen - beim Welschlandaufenthalt in Berührung kommt, waren ursprünglich reine Jungmännerbünde. Und erst im Bündnerland! Es ist heute noch die Hochburg urtümlicher Knabenschaftsbräuche mit besonders strengen, zuweilen geheimnisvollen Aufnahmeriten, wie etwa der Sprung über den Bändelbesen im Schams oder die Auslese eines "Paten" aus den Reihen der ältesten Knaben in Ladir im Vorderrheintal.

Vornehmste Pflicht der Jungburschen war aber die Überwachung des Dorflebens, insbesondere seines "Blumengartens" - der Mädchen. Wehe dem Auswärtigen, der sich erfrechte, eine solche "Blume" zu pflücken! War der Freier nicht genehm, so hatte er mit einer handfesten Schlägerei zu rechnen oder musste mit dem Dorfbrunnen Bekanntschaft machen. Die Volksjustiz der Ledigen gipfelte zuweilen in einem eigentlichen Terror und führte in vielen abgelegenen Gemeinden zu ausgesprochener Endogamie (Heirat im gleichen Dorf) und Inzucht. Dass es einst auch in Herschmettlen recht happig zu- und herging, belegen alte Einträge in den Gossauer Stillstandsprotokollen der Sittenwächter und in den Gerichtsbüchern des Ritterhauses Bubikon des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie beweisen, dass es die "Nachtheuel" nicht erst seit siebzig Jahren gibt, sondern dass auch unsere Knabenschaft viel ältere Wurzeln hat.

 

Quartalsversmmlung in der Weinschenke, um 1970: Ein ernsthaftes Geschäft wird beraten.

 

Kernpunkt "Aastand"

Kommt es trotz aller Wiederwärtigkeiten doch zu einer Hochzeit, so fordert die Knabenschaft vom Bräutigam einen Auskauf, den sogenannten "Hauss" oder - auf Herschmettler Deutsch - den "Aastand". Er ist in den Statuten des Nachtheuelvereins (NVH) verankert:

Der NVH überwacht die Vorgänge im Dorfleben. Wenn sich ein Mädchen aus dem Dorf mit einem auswärtigen Burschen verlobt, so fordert der NVH von ihm einen sogenannten Anstand. Weigert ers sich aber, den Anstand zu entrichten, so behält sich der NVH vor, geeignete Sanktionen gegen ihn zu ergreifen.

Der letzte Satz lautete bis zur Statutenänderung 1971:

Mit der Entrichtung des Anstandes beweist der Freier seinen reellen Absichten. Weigert er sich aber, den Anstand zu entrichten, so greift den NVH zu tätlichen Sanktionen.

 

 

Umso fröhlicher geht es nachher in irgendeiner Privatstube zu: Junggesellen unter sich, bis sie unter die Haube kommen.

   

 Quellen:

"Aus der Herschmettler Chronik" von Jakob Zollinger ("Der Freisinnige" vom 24. Januar 1953). - Protokolle des Nachtheuelvereins 1942 bis 1992

 

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